Nacharbeit zum GÖG-Ideenbox-Beitrag Patientenpfad
Forderung:
Die Erstellung von Patientenpfaden sollte Patientenvertretungen überlassen werden.
Verwendung des Begriffs Patientenpfad
Patientenpfad, klinischer Pfad oder Versorgungspfad - ist das nicht alles das Selbe? Und falls nicht, ist das nicht egal?
Mit Nichten - mit Nichten und mit Tanten und mit Neffen und mit Großneffen.
Historischer Kontext
Die Begrifflichkeit der verschiedenen Pfade von Patienten ist zu einer Zeit entstanden, in der Patienten bestenfalls als Leistungsfall oder Behandlungsobjekt, aber nicht als aktiver Teilhaber im Gesundheitssystem verstanden wurden. Das war der Status irgendwann im vorigen Jahrtausend.
Selbst Wolfgang Hellmann schreibt in seinem (damaligen) Standardwerk zum Krankenhausmangement aus 2002 [1] nur noch von Patientenpfad als Synonym und verwendet - je nach Perspektive - Begriffe wie klinischer Pfad oder Versorgungpfad.
Selbst unser Hauptverband der Sozialversicherungsträger verwendet seit Jahrzehnten diese Begrifflichkeiten in relevanten Dokumenten und vermeidet, "Patientenpfad" als Produkt des Gesundheitssystems zu verwenden - z.B. hier zu Versorgungspfaden [2] (2014).
An dieser Stelle sollte man meinen können, das Thema wäre gegessen - ist es aber offenbar nicht. Immer noch erstellen unterschiedlichste Interessensgruppen Dokumente mit der Überschrift "Patientenpfad", ohne dafür die moralische Legitimation zu besitzen. Ob das jetzt daran liegt, dass sie die Verwendung dieses Begriffs in ihrer Jugend/im vorigen Jahrtausend gelernt haben oder ob es eine naive Übersetzung aus dem Englischen ist, oder ob es eine bewußte, vereinnahmend-motivierte Verwendung des Begriffes ist, kann man gar nicht so leicht auseinander halten.
Warum ist der Anspruch auf den Patientenpfad für Patientenvertretung wichtig?
Ein Patientenpfad sollte nicht primär medizinische Prozesse, sondern den erlebten Weg eines Menschen durch Krankheit, Versorgung und Alltag beschreiben. Er umfasst:
- Wahrnehmungen, Entscheidungen, Ängste, Hoffnungen
- Übergänge zwischen Versorgungssystemen
- Brüche, Verzögerungen, Informationslücken, Probleme und Erwartungen
- soziale, berufliche und psychosoziale Auswirkungen
Diese Perspektive ist nur aus der kollektiven Erfahrung von Patientinnen und Patienten heraus legitim formulierbar. Professionelle Akteure (Medizin, Verwaltung, Industrie) sehen Versorgung notwendigerweise funktional, institutionell oder ökonomisch – nicht existenziell. Patientenorganisationen sind die einzigen Akteure, deren primäre Legitimation genau diese Perspektive ist.
Patientenpfade sind Ergänzung und Korrektiv formaler Qualitätssicherung; Patientenpfade ermöglichen Fragen, die klassische Qualitätssicherung nicht stellen kann.
Patientenvertreter sollten nicht dazu gezwungen werden, den umgangssprachlich deutbaren Begriff Patientenpfad aufzugeben und auf nicht sprachlich verankerte Begriffe wie "Patient Journey" oder kontextfreie Übersetzungen wie "Patientenreise" auszuweichen.
Sprachliches Selbstverständnis
Im Englischen/im europäischen Wissenschafts- und Patientenvertreterbereich gibt es eine
einigermaßen konsolidierte Übereinkunft über Begrifflichkeiten wie Patient Journey und Care Pathway [3].
Im Deutschen ist die Abgrenzung nicht so leicht.
Was das Internet an Wortschnipseln dazu bietet, hat ChatGPT für mich zusammengefasst (und zwar meist besser, als ich es könnte):
ChatGPT - Patientenpfad in Patientenhand.
(Anm.: ChatGPT hat keine eigene Meinung, sondern fügt nur im Internet verfügbare Textquellen zusammen.
Aufeinander folgende Antworten müssen nicht zwangsweise dieselbe "Meinung" wiedergeben und Antworten können
auch kompletter Mist sein. Als Spickzettel für eigene Zusammenfassungen oder Meinungsbildungen sind die Text aber äußerst gut verwendbar.)
Referenzen:
- [1] Leseprobe Klinische Pfade und Behandlungspfade – Einführung und Überblick (Wolfgang Hellmann, 2002)
- [2] Versorgungspfade (SV, 2016)
- [3] JARDIN Pathways Toolkit mit Erklärung der englischen Pathway-Begriffe entsprechend dem aktuellen Sprachverständnis auf den ersten Seiten: Care Pathways Toolkit for Healthcare Professionals & Patient Representatives (2025)