Dieser Rohtext erschien als Artikel im Beitrag im Expertisenetze-News-letter 2022-3/4.


Krankenhausreform-Vorschläge in Deutschland

Im Mai 2022 wurde in Deutschland eine Regierungskommision mit Mitgliedern aus dem Bereich Medizin, Pflege, Ökonomie und Recht eingerichtet [a1], deren dritte Empfehlung einen Vorschlag zur Krankenhausreform behandelte. Dieser Entwurf wurde Anfang Dezember in einer Pressekonferenz präsentiert [a2] und kurz darauf auch in einem Webinar der DGIIN detailliert begründet [a3].

Worum geht es bei dem Reformvorschlag "für eine moderne und bedarfsgerechte Krankenhausversorgung"? Es geht dabei um die Schaffung von bundesweit vergleichbaren Krankenhaus-Leveln mit definierten Mindeststandards, Definition von Leistungsgruppen, die das System der Fachabteilungen bzw. Einzel-DRG ablösen sollen und die Einführung einer Vorhaltefinanzierung.
Eine sehr gute Darstellung der bestehenden Problemsituation und der Absichten des Reformvorschlages samt Diskussion gibt es ausführlich unter dem Titel "Das könnte gut werden" im brainpainblog [a4] von Christian Schöps.

Karl Lauterbach antwortet auf die Frage, was sich aus Patientensicht ändern wird, dass dort behandelt werden soll, wo es medizinisch erforderlich und angebracht ist und nicht, wo es ökonomisch gefordert wird.
Die detaillierte Definition von Leistungsgruppen, für deren Zuordnung der notwendige Krankenhauslevel eine Voraussetzung ist, zielen darauf ab, dass nicht mehr jede Leistung an jedem Standort ausgeführt bzw. refundiert wird. Es geht hier um die simple Binsenweisheit, dass Mindestfallzahlen evident für gute Ergebnisse von Vorteil - für den Patienten - sind.

Flash: Auch im vorigen Expertisenetze-News-Letter 2022-2 [a5] war Spezialisierung in der Kinderchirurgie ein drängendes Thema. Es gibt für Laien wie mich (und wohl auch für viele Andere) keine guten Qualitätszahlen nach seltenen Operationen nachzulesen. Der jährliche A-IQI-Bericht (Austrian Inpatient Quality Indicators) [a6] ist recht beschönigend grob und weist nur Tod als Endpunkt auf, sagt aber wenig über die Ergebnisqualität für das weitere Leben. Pickt man sich trotzdem irgendeinen Posten aus dem Bericht - z.B. 19.23: Magenresektion kombiniert mit komplexem Eingriff am Ösophagus, so findet man für das Jahr 2020 insgesamt 43 Eingriffe an 12 verschiedenen Klinikstandorten, wobei 7 Personen dabei verstorben sind.
Warum bei diesen Zahlen nicht bei allen Verantwortlichen Aktionismus von wegen Feuer am Dach und Gefahr für Patienten im Verzug angesagt ist, entzieht sich meinem Verständnis.

Auch in Deutschland gibt es ein sehr heterogenes Qualitätsbild in der Krankenhauslandschaft, das durch die Auszeichnung mit Versorgungslevel und Leistungsgruppen geordnet werden soll, um Patienten zielgerechter zuweisen zu können um die Ergebnisqualität für Patienten zu verbessern. Die Notwendigkeit zeige ein Blick, wie viele Schlaganfälle oder Herzinfarkte auf dafür suboptimal geeigneten Stationen versorgt werden. Analog zu den gestuften Einteilungen für Notfallstrukturen [a10] ist die Einteilung von Krankenhäusern in unterschiedliche Versorgungs-Level grundsätzlich nichts Abwegiges.

Auch in Österreich sieht der ÖSG die Einteilung in Standard-, Schwerpunkt- und Zentralkrankenanstalten (sowie Sonderkrankenanstalt und Sanatorium) vor, die Auszeichnung obliegt den Ländern und ist wahrscheinlich nicht gut vergleichbar. Eine zusammenfassende Aufstellung der Krankenanstalten-Einteilung nach Bundesländern kann beim Qualitätssystem-Bericht nachgelesen werden [a8]. Salzburg hat dabei zwei Zentral-Krankenanstalten, Kärnten, Burgendland und Vorarlberg haben keine, alle anderen Bundesländer haben eine Zentral-KA ausgewiesen. Dazu kommt noch die Auszeichnung von Zentren innerhalb der Schwerpunkt- und Zentral-KA (Referenz-, Spezial- und Expertisezentren). Letztendlich ist der jeweils gebotene Funktionsumfang pro KA sehr undefiniert und eine sichtbare, bundesweit gültige Spezifikation wie durch Leistungsgruppen hört sich grundvernünftig an.

Im Reformvorschlag wird ausgeführt, dass die Erfahrungen der zumindest letzten 20 Jahre in die Konzeptentwicklung eingeflossen wären. Explizit wird vermutlich deshalb auch der Radius für einen wirksamen Klinikverbund auf 5km begrenzt. Natürlich wäre das auch bei uns sinnvoll, weil die Klinikverbunde weit entfernter Standorte bisher eher überschaubaren Patientennutzen zu haben scheinen.

Deutschland hat ein Problem mit profitorientierten Trägern, die etwa ein Drittel der Kliniken betreiben und sich auf lukrative Eingriffe spezialisiert haben.
In Österreich ist der Anteil von gewinnorientierten Trägern mit der Finanzierung über den PRIKRAF nur etwa halb so groß [a13], verursacht aber auch bei uns Gerüchte [a14] und Rechnungshofkritik [a15].

Deutschland hat den Vorteil, dass es im Vergleich zu Österreich bundesweit rund zehnmal so viele Personen gibt, die sich etwas Sinnvolles überlegen können, nicht nur als Regierungskommission. Eine Thematisierung der Krankenhausfinanzierung findet deshalb auch ab und zu in der satirischen Abendunterhaltung statt, z.B. in Die Anstalt vom 5. Mai 2020 zu Krankenhauskonzernen [a9].

Auf die Frage, warum nur Experten und nicht auch Ländervertreter in der Kommission saßen, antwortete Lauterbach sinngemäß, dass das ganze Konzept ohne Störung durch Ministerien und Lobbygruppen erstellt worden sei, andernfalls wäre wohl nach einem halben Jahr nichts herzuzeigen gewesen. Inhaltliche Argumente von Interessensgruppen wurden mit strukturierten Befragungen erfasst, eingearbeitet oder es wurde im Text ausgeführt, warum diese oder jene Begehrlichkeit keine Berücksichtigung fand.

Amüsant - weil es so sehr an daheim erinnert - war der Pressetext der Gesundheitsminister aus Bayern und NRW schon zwei Tage vor der Pressekonferenz, mit der die Gesundheitsminister Zement in Stellung brachten um "über in Jahren gewachsene Versorgungsstrukturen nicht zu gefährden".

Was denkt sich jetzt ein naiver Laie und Patient aus dem Bereich der Seltenen wie ich zu diesem Thema?
Wir vergleichen uns oft mit Deutschland und verdrängen dabei geflissentlich, dass wir gerade einmal die Einwohnerzahl von Bayern ohne Franken haben. Wir sind Spitzenreiter bei Intransparenz, wenn es um Gesundheitsthemen geht, schreibt Transparency International Austria [a11].
Wir haben oft kritisierte Schnittstellen-Probleme an der Finanzierungsgrenze zwischen Niedergelassenen- und Krankenhausbereich, die so unverrückbar existieren, dass selbst Gesundheitsstadträte daran zu verzweifeln scheinen. Wie ich zuerst von einem dritten Finanzierungstopf gelesen hatte, wollte ich meinen Augen nicht trauen [a12]. Bei der Erwähnung des vierten und fünften Topfes bei der Diskussion Im Zentrum war ich mir dann aber sicher, dass diese schon ins Absurde führende Überzeichnung nur Satire sein konnte und eigentlich die Forderung nach einer Finanzierung aus einer Hand unterstützen sollte.

Im ganzen Reformvorschlag kommen seltene Erkrankungen nur an einer Stelle vor. Trotzdem sind uns unsere Lieblingsnachbarn mit der Versorgung von Seltenen gefühlt viele Jahre voraus. Seit 2012 gibt es dort die ambulante spezialfachärztliche Versorgung (ASV) [a16] mit einer wachsenden Anzahl an Indikationen. Vor kurzem wurde das Deutsche Referenznetzwerk Lunge (DeRN-Lunge) [a17] zur nationalen Integration der europäischen ERN-Lung-Struktur aus der Taufe gehoben.
Und bei uns?
Es muss sich auch bei uns auf der Insel der Seligen endlich etwas ändern - und zwar mit den Interessen der Patienten im Mittelpunkt hin zum gesetzlich zugesicherten Best Point of Service und nicht um ideologische oder persönliche Befindlichkeiten zu befriedigen. Wie es weitergehen soll mit der Entwicklung unseres Gesundheitssystems? Ernest Pichlbauer als Experte kann sich Sarkasmus nicht verkneifen und bittet alle an einen Tisch [a18], Franz Fiedler entlocken die Ambitionen unseres Gesundheitsministers [a19] angesichts der beginnenden 15a-Verhandlungen angeblich einen Schmunzler [a20].

Ich kann nur hoffen. Im Konkreten hoffe ich, dass der deutsche Reformvorschlag letztendlich einfach von uns übernommen wird und fertig. Wenn es in Wirtschaftsfragen unumgänglich ist, dem deutschen Weg zu folgen, dann kann man das auch bei einleuchtenden Maßnahmen zur Verbesserung des Gesundheitssystems machen.

Haftungseinschränkung: Obiger Text ist meine Meinung als Bürger und Patient und er ist mit keiner Patientenorganisation (PO) abgesprochen. Dieser Hinweis scheint notwendig, weil viele POs auf jährliche Fördergelder aus unterschiedlichen Töpfen angewiesen sind und es ihnen zum Nachteil gereichen könnte, wenn sie unliebsame Themen öffentlich ansprechen.






[a1] Regierungskommission für eine moderne und bedarfsgerechte Krankenhausversorgung (Ministeriumsseite mit Mitgliederliste und PDFs aller Stellungnahmen)
[a2] Karl Lauterbach dringt auf Krankenhaus-Reform (Pressekonferenz, Aufnahme vom 2022-12-06)
[a3] Webinar Reformvorschläge (2) Prof Christian Karagiannidis
[a4] Das könnte gut werden: Gedanken zur Empfehlung der Regierungskommission für eine Reform der Krankenhausvergütung (Blog brainpainblog, 2022-12-12)
[a6] Gesundheit - Ergebnisqualitaetsmessung
[a8] Qualitätssysteme in Akutkrankenhäusern (2017)
[a9] Krankenhauskonzerne (2020-05-05, Die Anstalt mit faktencheck)
[a10] Gestuftes System von Notfallstrukturen in Krankenhäusern (2021; Notfallstufen)
[a11] Informationstransparenz im Gesundheitswesen (TI Austria, 2022-03)
[a12] Wie die Länder ein Grundübel im Gesundheitssystem beseitigen wollen (derstandard, 2022-12-16)
[a13] Präsentation Spitalsträgerschaft (Monika Riedel, Thomas Czypionka; 2019-03-11)
[a14] Privatklinik Währing: Ein Kantersieg ... (Gerald Loacker, 2020-06-05)
[a15] Rechnungshof vermisst Transparenz bei PRIKRAF (ORF, 2022-10-14)
[a16] Ambulante spezialfachärztliche Versorgung (GBA)
[a17] Deutsches Referenznetzwerk Lunge
[a18] Jetzt aber alle an einen Tisch! (Wiener Zeitung, 2022-12-30)
[a19] Gesundheitsminister Rauch spricht in der "ZiB 2" über seine Machtlosigkeit (derstandard, 2022-11-24)
[a20] Österreich und der Föderalismus: Land der Fürstentümer (derstandard, 2022-12-31)



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(Letzte Änderung: 2023-01-02)